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Was dich erwartet: eine Szene aus der Chicago Storms Serie aus einer anderen Perspektive. Die Momente, die im Buch nicht gezeigt wurden. Die Gedanken, die niemand laut ausspricht.
CHICAGO STORMS Drei Strikes für die Liebe ―――――――――――― BONUSKAPITEL »Das erste Mal« Joes Perspektive Becca Rebhorn »Das erste Mal« Joes Perspektive Zeitgleich mit Kapitel 24 — Drei Strikes für die Liebe ✦ ✦ ✦ Joe MacAlphine war über viele Dinge in seinem Leben zu Recht stolz. Auf sein Wurfarm. Auf seine Siegesquote. Auf die Tatsache, dass er seit über zwanzig Jahren in diesem Geschäft war und es nie jemand geschafft hatte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen — nicht in der Kabine, nicht vor der Kamera, nicht bei Pressekonferenzen nach Niederlagen, bei denen ein schwächerer Mann zu Stein geworden wäre. Cat Stone hatte das in drei Wochen erledigt. Er saß noch am Tisch des Del La Mar und sah ihr nach, wie sie ihre Jacke schnappte und aufstand — diese Art aufzustehen, bei der klar war, dass das hier vorbei war. Nicht die Tür-auf-Tür-zu-Vorstufe des Streits. Das echte Aufstehen. Das, bei dem jemand entschieden hatte. "Wir müssen reden." Er hatte die Worte rausgebracht, bevor sein Gehirn sie geprüft hatte. Typisch. Über dreißig Jahre hatte er sich im Schweigen geübt und ausgerechnet jetzt, wo das Schweigen vielleicht zurückgekommen wäre, was er diese drei Worte. "Es wurde bereits alles gesagt, Joey, und jetzt verschwinde, sonst mache ich dir eine Szene, gegen die Bill Clintons Zigarre wie ein Kindermärchen aussieht." Joe schluckte. Die Bemerkung war typisch Cat — präzise, gemäßen und so schärfer als alles, was er sich ausdenken konnte. Er hatte Katastrophen von tausend Zuschauern beobachten lassen, aber diese Frau mit einem Satz konnte ihm das Blut aus dem Gesicht ziehen. Sie warf ihm noch einen Blick zu — kein Wütender, sondern den Schlimmeren. Den müden. Das Lächeln, das kein Lächeln war. "Du kehrst wieder zu deinem alten sorgenfreien Leben zurück — ohne den Hauch von Verantwortung." Und dann ging sie. Joe blieb am Tisch sitzen und sah auf die leere Kaffeetasse vor ihm. Die Stimme in seinem Kopf — die Stimme, die er seit dreißig Jahren trainiert hatte, die Stimme, die ihm immer sagte lass sie gehen, das ist einfacher, das ist sicherer, du bist besser allein — diese Stimme war zum ersten Mal seit Jahrzehnten still. Stattdessen hörte er etwas anderes. Hanks Stimme. Dada. ✦ ✦ ✦ Er stand auf. Später würde er nicht genau erklären können was zwischen dem Moment, in dem er am Tisch saß, und dem Moment, in dem er auf dem Parkplatz rannte, passiert war. Er hatte gezahlt — glaube er. Er hatte seinen Mantel genommen — wahrscheinlich. Was er sicher wusste: Er hatte nicht nachgedacht. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einfach seinen Körper machen lassen. Sein Körper wollte ihr hinterher. "Nein — du läufst nicht schon wieder weg!" Er hatte geschrien. Das war ihm erst klar, als seine eigene Stimme über den Parkplatz hallte und zwei vorbeilaufende Touristen sich erschrocken umdrehten. Egal. Cat blieb stehen. Einfach so. Mitten auf dem Parkplatz, im Chicagoer Februarwind, der hier unten zwischen den Gebäuden schnitt wie ein alter Feind. Sie blieb stehen. Die Arme um den Körper geschlungen. Den Blick irgendwo nach vorne gerichtet, nicht zu ihm. Joe schloss auf. Er blieb in Abstand stehen. Drei Meter. Nah genug um zu sehen, dass sie zitterte. Weit genug um zu wissen, dass er das Recht auf Näher verloren hatte. "Ich kann dir gar nicht sagen wie leid mir alles tut." Lame, MacAlphine. Das war alles was du hast? "Mhm." Sie drehte sich nicht um. Ihr Rücken blieb zu ihm gewandt und Joe streckte sich kurz — nicht körperlich, sondern die Art innerer Streckung, die passierte wenn man alle Ausreden zusammennahm und sie wegwarf. "Bitte verlass mich nicht." Er hörte sich selbst. Die Stimme kannte er kaum. Zu leise, kein Witz dahinter, keine Kontrolle. "Bitte nimm mir meine Familie nicht weg." Das Wort Familie hängte in der Luft zwischen ihnen. Joe hatte es noch nie so gesagt. Nicht so, dass es stimmte. Nicht so, dass er es meinte. Aber er hatte es gesagt und es fühlte sich seltsam an — wie ein Muskel, den man jahrelang nicht benutzt hatte und der jetzt brannte. Cat drehte sich um. Ihr Gesicht war weiß und ihre Augen — diese Augen, die ihn seit drei Wochen wahnsinnig machten — waren müde. Nicht wütend. Müde war schlimmer. "Ich kann einfach nicht mit dieser Geheimnistuerei leben." "Ich habe dich nie belogen." Joe machte einen Schritt. Nur einen. "Frag mich was immer du willst." Sie schwieg. Sah ihn an. Joe hatte in seinem Leben viele Formen der Stille gekannt — die Stille vor dem entscheidenden Pitch, die Stille nach einem Spielverlust wenn die Kabine noch nicht begriffen hat, die Stille wenn man um drei Uhr morgens aufwacht und nicht mehr weiß warum. Das hier war die schwerste. "Für dich bin ich ein offenes Buch," sagte er. "Du kannst mich alles fragen. Was immer du willst." "Alles — ohne Ausnahme?" "Indianerehrenwort." Er konnte nicht verhindern, dass sich sein Mundwinkel leicht hob. Mitten auf diesem Parkplatz, mit gebrochenem Herz und Februarwind im Gesicht, musste er grinsen. Das war das Problem mit Cat: Sie war die einzige Frau auf der Welt, bei der er grinste wenn er eigentlich sterben wollte. ✦ ✦ ✦ Cat stellte ihre Fragen. Ob seine Gefühle für Emily, Andy und Hank nur gespielt waren. Joe dachte an den Morgen, an dem er auf dem Küchenboden gesessen hatte und Hanks grünen Alligator unter dem Hocker gefunden hatte. Das Kind hatte ihn vergessen — oder Cat hatte ihn in der Eile vergessen. Joe hatte ihn in der Hand gehalten und plötzlich begriffen: Das war der Moment. Nicht die große Rede, nicht die Erkenntnis bei Sonnenuntergang. Ein grellgrünes Plastikkrokodil auf einem Küchenboden. "Ich liebe sie mehr als mein Leben," sagte er. Schlicht. Ohne Ausschmuckung. Weil es die Wahrheit war und weil die Wahrheit manchmal keine Adjektive brauchte. "Und was ist mit mir?" Da war sie. Die eigentliche Frage. Die, für die er keine vorbereitete Antwort hatte, weil er sich vor einer Stunde noch nicht getraut hatte sie sich selbst zu stellen. "Du bist mir sehr wichtig," sagte er. "Und ich will nicht, dass du mich verlässt." Sie glaubte ihm — er sah es. Aber nicht ganz. Also sagte er mehr. "Warum hast du mich dann betrogen?" "Weil ich überfordert war. Weil ich Angst hatte." Die Worte kamen leicht — das war das Merkwürdige. Er hatte erwartet, dass es sich schwerer anfühlte. Stattdessen: Erleichterung. "Ich habe seit ich dich kennengelernt habe, mich für keine andere Frau interessiert. Kein einziges Mal." Cat schwieg. Also: mehr. "Cat, du bist die Eine für mich." Er hörte sich selbst und wartete auf die Alarmglocken. Die Stimme seines Vaters, das Lachen, das er als Kind kannte wenn er etwas Schwaches gesagt hatte. Nichts. "Ich dachte immer, das gäbe es nicht für mich. Dass ich es nicht wert bin. Dass jemand wie ich nicht geliebt wird — nicht wirklich." Er machte eine Pause. "Du treibst mich in den Wahnsinn. Du bist stur, eigensinnig, hast die größte Klappe der Welt und trittst in jedes mögliche Fettnäpfchen. Aber alle diese Fehler — ich bewundere sie an dir." Cat stand mit offenem Mund da. Er kannte diesen Ausdruck nicht. Oder: er kannte ihn, aber er hatte ihn noch nie provoziert. Cat Stone sprachlos war so selten wie ein scoreloses Spiel — es passiete, aber man musste wirklich arbeiten darum. Die Stille wurde länger. Joe spürte die Panik in seiner Brust aufsteigen — die vertraute, die alte, die er seit dreißig Jahren kannte. Er hatte alles gesagt. Er hatte alles riskiert. Und sie stand da und sagte nichts. Also sagte er das Letzte. Das Einzige was er noch hatte. "Ich liebe dich." Vier Wörter. Er hatte sie noch nie gesagt. Keiner Frau. Er hatte sie nicht mal gedacht — nicht so, dass er es ernst meinte. Und jetzt standen sie auf dem Parkplatz und er wartete. Cat drehte sich um. Weg von ihm. Joe wurde kalt — nicht von außen. Von innen. Diese Art Kälte, die passierte wenn man sich klar werden musste, dass man verloren hatte. Er drehte sich ab. "Warte!" Ihre Hand an seinem Arm. Er blieb stehen. Er blieb stehen weil er musste — nicht weil er wollte. Sein Herz tat weh auf eine Art, die er nicht kannte, und er wollte weg, er wollte das hier vorbei sein lassen, er wollte— "Ich liebe dich doch auch, du Idiot." ✦ ✦ ✦ Joe stand still. Er stand so still, dass er hörte wie der Wind um die Ecke des Gebäudes pfiff. Dass irgendwo in der Ferne eine Tram quietschte. Dass sein eigenes Herz zu laut war. Sie hatte es gesagt. Cat Stone — die einzige Frau, von der er je einen Korb bekommen hatte bevor er sie um etwas gebeten hatte, die einzige Frau, die ihn innerhalb von zwei Tagen sowohl an die Grenzen seiner Geduld als auch seines Interesses gebracht hatte, die Frau, die seinen Hund mochte und seine Kinder liebte und ihm ins Gesicht lachte wenn er versuchte beeindruckend auszusehen — hatte gerade gesagt, dass sie ihn liebte. "Das hätte ich gern nochmal gehört." Seine Stimme war rau. Er hörte es selbst. "Träum weiter, MacAlphine." Aber sie lächelte. Das echte Lächeln — nicht das sarkatische, nicht das professionelle, nicht das geduldige das sie aufsetzte wenn Emily ihr dreimal die gleiche Frage stellte. Das eine Lächeln, für das er Wochen gebraucht hatte und das er jetzt erkannte wie seinen eigenen Namen. Er machte zwei Schritte. Nahm ihr Gesicht in beide Hände. Seine Daumen über ihre Wangenknochen. Er stand dicht genug, dass er ihren Atem spürte, und betrachtete sie — nicht so wie man jemanden betrachtet den man haben will, sondern so wie man jemanden betrachtet den man behalten möchte. "Cat." Er sprach ihren Namen wie ein Versprechen. "Ich liebe dich. Nicht weil es bequem ist oder weil uns das Schicksal zusammengewürf elt hat." "Joey—" "Ich liebe dich, weil du die erste Frau in meinem Leben bist, bei der ich keine Angst habe, der Typ zu sein der ich wirklich bin. Der Typ, der seinen Hund mehr liebt als seine Möbel und der sich manchmal nicht die Namen seiner Nichte und Neffen merken kann und der—" "Joey." "Was?" "Halt den Mund und küss mich." Er lachte. Ein echtes, tiefes Lachen — das Lachen das er selbst nicht gut kannte, weil er es selten hatte. Cat spürte es bis in den Bauch, das würde sie ihm später sagen, und das war gut, weil er wollte, dass sie das wusste: Dass er lachte. Dass er froh war. Dass das hier der Anfang von etwas war, nicht das Ende. Er küsste sie. Nicht vorsichtig. Nicht höflich. Nicht wie jemand der es zum ersten Mal tat. Wie jemand der lange gewartet hatte und nie wieder aufhören wollte. Irgendwo hinter ihnen hob ein Kellner anerkennend einen Daumen. Joe bemerkte es nicht. ✦ ✦ ✦ Auf dem Rückweg schrieb er Liam eine Nachricht. Nur zwei Worte. Mehr brauchte es nicht. „Wir müssen reden.“ Er schickte die Nachricht ab und steckte das Telefon weg. Neben ihm saß Cat. Die Stiefel auf dem Armaturenbrett. Die Haare zerzaust vom Wind. Sie schrieb irgendetwas auf ihrem Telefon — wahrscheinlich an Sydney, der man das hier sofort berichten musste, was Joe verstand, auch wenn er so tat als wäre es ihm egal. "Was schreibst du?" "Nichts." "Du schreibst Sydney, dass du recht hattest." Cat senkte das Telefon. Sah ihn von der Seite an. "Über was?" "Ich habe keine Ahnung. Aber bei euch ist immer jemand im Recht." Sie lachte. Joe konzentrierte sich auf die Straße und sagte nichts mehr und fühlte sich so leicht wie seit Jahren nicht — nein, wie noch nie. Das war der Unterschied. Nicht seit Jahren. Noch nie. Zu Hause warteten drei Kinder. Einer davon schlief wahrscheinlich schon, einer zerlegte mit Sicherheit gerade etwas und Emily hatte Fragen. Emily hatte immer Fragen. Joe fuhr heim. Zum ersten Mal in seinem Leben fuhr er heim und meinte es so. ✦ ✦ ✦ Mehr von Becca Rebhorn Du möchtest wissen wie die Geschichte von Joe und Cat wirklich beginnt? Drei Strikes für die Liebe Chicago Storms, Band 1 Er hat ihr das Leben ruiniert. Sie hat seins komplizierter gemacht. Jetzt müssen sie 40 Stunden lang im selben Auto sitzen. → Jetzt auf Amazon lesen ――――――――― Und weiter geht es mit Merrit und Amy… Ein Curveball kommt selten allein Chicago Storms, Band 2 Beste Freunde. Eine Tequila-Nacht. Zehn positive Tests. Jetzt haben sie neun Monate um herauszufinden, was sie wirklich füreinander empfinden. → Jetzt auf Amazon lesen ――――――――― Bleib auf dem Laufenden Exklusive Bonusinhalte, Einblicke hinter die Kulissen und die neuesten Nachrichten direkt in dein Postfach. → Jetzt anmelden: beccarebhorn.com © Becca Rebhorn. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Bonuskapitel enthält Spoiler für Drei Strikes für die Liebe.
CHICAGO STORMS Ein Curveball kommt selten allein ―――――――――――― BONUSKAPITEL »Acht Nächte« Amys Perspektive Becca Rebhorn »Acht Nächte« Amys Perspektive Zeitgleich mit Kapitel 14 — Ein Curveball kommt selten allein ✦ ✦ ✦ Nacht eins. Das Problem mit Stille war, dass sie zu viel Platz hatte. Amy Weinberg hatte in ihrer Wohnung immer gerne allein gelebt. Vier Zimmer. Sechster Stock. Blick auf den See, wenn man sich weit genug nach rechts lehnte. Ihre Bücher hatten eine Ordnung — alphabetisch nach Autor, dann chronologisch. Ihre Küche war sauber. Ihre Termine waren geplant. Amy war jemand, der Dinge plante, und dieser Umstand hatte ihr dreißig Jahre lang gute Dienste geleistet. Er leistete ihr gerade keine guten Dienste. Es war die erste Nacht nach Texas, und Amy lag auf ihrer Couch und zählte die Risse in der Decke. Drei. Vier, wenn man den kleinen links oben mitnahm, der genaugenommen nur ein Schatten war. Sie hatte die Decke noch nie so genau betrachtet. Sie hatte viele Dinge in dieser Wohnung noch nie so genau betrachtet, weil sie bis gestern Abend immer etwas Besseres zu tun gehabt hatte. Jetzt hatte sie nichts Besseres zu tun, weil das Bessere auf einem Stadtfest in Winnsboro, Texas, Camilles Hand auf seinem Arm hatte stehen lassen — nicht sofort weggegangen war — und Amy daraufhin einen Bus nach Dallas genommen hatte, weil sie nicht die Frau war, die fragte. Sie war niemals die Frau gewesen, die fragte. Nicht weil sie keine Fragen hatte, sondern weil sie die Antworten kannte bevor sie fragte, und weil die Antworten selten das waren, was man sich erhofft hatte. Also stellte man keine Fragen. Also blieb man sicher. Finn trat. »Ja«, sagte Amy. »Ich weiß.« Finn trat noch einmal, mit der Energie von jemandem, dem die Situation seiner Mutter komplett gleichgültig war. »Du bist wie dein Vater«, sagte Amy. »Komplett unmöglich.« Die Worte hängten in der Luft. Amy hörte wie sie klangen: wie eine Aussage. Wie eine Tatsache. Wie etwas, das wahr war und das sie noch nie laut gesagt hatte. Wie dein Vater. Sie zählte weiter Risse in der Decke. Fünf, wenn man großzügig war. ✦ ✦ ✦ Nacht zwei. Sie räumte auf. Das war das, was Amy tat, wenn sie nicht wusste was sie sonst tun sollte. Räumen, sortieren, Ordnung in Dinge bringen, die keine Ordnung brauchten. Ihre Bücher hatten bereits eine Ordnung. Sie sortierte trotzdem. Zweimal. Beim dritten Durchgang fand sie Merrits Baseballhandschuh. Er hatte ihn vor drei Monaten vergessen — nach einem Abend auf der Dachterrasse, als sie auf Plastikstühlen gesessen und irgendeine Serie auf Nathans Laptop geschaut hatten, der zu klein gewesen war für drei Personen. Merrit hatte den Handschuh mitgebracht, weil er direkt vom Training kam. Amy hatte ihn aufgehoben und gedacht: Er kommt ihn holen. Er hatte ihn nicht geholt. Amy hatte nicht nachgefragt. Sie stand jetzt mit dem Handschuh in der Hand und dachte an diesen Abend: Merrit, der den Laptop näher gerückt hatte — nicht weil er den Bildschirm nicht sehen konnte, das war klar, der Bildschirm war groß genug. Nathan, der so getan hatte als hätte er das nicht bemerkt, was bedeutete, dass Nathan es sehr wohl bemerkt hatte. Und Amy, die geradeaus auf den Bildschirm geschaut hatte, als wäre es normal, dass ein Mann nah genug war, dass sie seinen Herzschlag gehört hätte, wenn es ruhiger gewesen wäre. Es war nicht normal. Sie hatte so getan als wäre es normal, weil das einfacher war. Amy legte den Handschuh in die Schublade. Dann schloss sie die Schublade. Dann räumte sie weiter. ✦ ✦ ✦ Nacht vier. Sie rief Phoebe an. »Merrit hat nicht angerufen«, sagte Amy, ohne Einleitung, weil Phoebe die Art von Freundin war, bei der man keine Einleitung brauchte. »Ich weiß«, sagte Phoebe. »Woher weißt du das?« »Weil du angerufen hättest wenn er angerufen hätte.« Eine kleine Pause. »Du kannst gute Nachrichten nicht für dich behalten, Amy. Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Tatsache.« Das stimmte. Amy hätte angerufen. Sie hätte wahrscheinlich noch auf dem Parkplatz angerufen, wenn das Telefon in ihrer Handtasche geblieben wäre und nicht in der Reisetasche, die sie in den Bus nach Dallas geworfen hatte. »Ich denke nach«, sagte Amy. »Über was?« »Ob es richtig war. Wegzugehen. In Texas.« Phoebe schwieg einen Moment. Amy kannte dieses Schweigen — Phoebe sammelte Worte, wie andere Menschen Porzellan sammelten: sorgfältig, mit Blick auf den Wert. »Es war richtig«, sagte Phoebe dann. »Es war das Einzige was du konntest. Du hast eine Grenze gezogen.« »Ja.« Amy starrte zur Decke. »Aber jetzt ändert das nichts daran, dass er nicht angerufen hat.« »Noch nicht.« »Phoebe.« »Amy.« Wieder diese kleine Pause. »Er schaut dich an. Ich weiß, dass du das weißt, und ich weiß, dass du tust als würdest du es nicht wissen, weil das einfacher ist. Aber du weißt es.« Amy sagte nichts. Finn trat. Einmal, solid. »Finn sagt, dass Phoebe Recht hat«, sagte Phoebe. »Finn hat noch keine Meinung.« »Finn ist kluger als du denkst. Er hört zu.« Amy legte auf. Sie lag in der Stille und dachte daran, dass Phoebe recht hatte — dass sie es wusste, dass sie es schon eine Weile wusste, und dass Wissen und Handeln zwei verschiedene Dinge waren. Das Problem war nicht, was Merrit fühlte. Das Problem war, was sie fühlte. ✦ ✦ ✦ Nacht sechs. Sie konnte nicht schlafen, also las sie. Das war eigentlich immer eine verlässliche Lösung. Lesen regulierte Amys Nervensystem auf eine Art, die Meditation nie geschafft hatte und Phobes empfohlene Atemtechniken erst recht nicht. Ein gutes Buch, eine stille Wohnung, eine Tasse Tee — das hatte sie durch Deadlines gebracht, durch den Tod ihrer Oma, durch das erste Trimester, in dem sie jeden Morgen übers Klo hing und sich fragte, wie sie das überhaupt alleine schaffen sollte. Heute Nacht funktionierte es nicht. Sie las denselben Absatz viermal und wusste am Ende nicht mehr als am Anfang, weil ihr Kopf woanders war. In Winnsboro. Auf dem Stadtfest. Bei dem Moment, in dem Camille Merrits Arm berührt hatte und er nicht sofort weggegangen war — eine Sekunde zu lang, zwei Sekunden, lang genug. Amy kannte diesen Typ Frau. Nicht persönlich. Aber als Typ. Die Art, bei der man sofort wusste: Hier gibt es eine Geschichte. Sie hatte das Essen hingestellt und war gegangen. Nicht weil Merrit etwas getan hatte. Nicht weil sie sicher war, dass etwas war. Sondern weil sie die Frau kannte die blieb und fragte und dann die Antwort bekam, die sie sich erh offt hatte oder nicht — und weil sie in dem Moment auf dem Stadtfest begriffen hatte, dass sie nicht weiß, welche Antwort sie sich erhoffte. Und dass das das eigentliche Problem war. Sie legte das Buch weg. Granny Betty hatte ihr beim Einsteigen in den Bus die Hand gehalten. »Er ist stur«, hatte sie gesagt. »Wie sein Vater. Wie sein Großvater. Alle Abrahms-Männer sind stur. Aber du auch, oder?« Amy hatte nicht gewusst was sie antworten sollte. Also hatte sie gesagt: »Ich schätze schon.« Und Betty hatte genickt als wäre damit alles gesagt. »Dann wird es wahrscheinlich gut ausgehen.« Amy starrte die Decke an. Siebenundachtzig Jahre. Zwei Ehemänner. Ein Hut im Haus. Vielleicht wusste Betty etwas, das Amy noch nicht wusste. ✦ ✦ ✦ Nacht acht. Nathan kam mit Waffeln. Die kleinen, nicht die normalen. Er hatte einen Schlüssel seit dem Texas-Wochenende, und er nutzte ihn mit dem Enthusiasmus von jemandem dem eine Mission gegeben worden war. Er setzte sich auf den Boden neben die Couch — nicht auf die Couch, auf den Boden, mit dem Rücken gegen das Sofa — und öffnete die Tüte. »Du hast letztes Mal gesagt, du magst die kleinen nicht«, sagte er, »aber ich glaube, das war eine Lüge um die Waffeln für dich zu behalten.« »Das war eine Lüge.« »Dachte ich.« Er tippte gegen Amys Bauch. »Finn. Benimm dich.« Finn trat. »Ich mag dich auch«, sagte Nathan zufrieden. Sie aßen in der angenehmen Stille — nicht der anderen Stille, nicht die, die seit acht Nächten zu viel Platz hatte. Die gute Stille, die zwischen zwei Menschen war, die wussten wann sie reden mussten und wann nicht. »Er hat nicht angerufen«, sagte Amy irgendwann. »Ich weiß.« »Ich habe auch nicht angerufen.« »Das weiß ich auch.« Nathan aß seine Waffel und wartete. Das war das Besondere an ihm: Er wartete immer bis man fertig war, auch wenn man selbst noch nicht wusste, dass man noch nicht fertig war. »Ich mag ihn«, sagte Amy. Es war das erste Mal, dass sie es laut sagte. Nicht Amy-die-Pragmatikerin. Nicht Amy-die-es-nicht-kompliziert-werden-lässt. »Nicht nur als Freund. Ich mag ihn schon lange. Und ich habe so getan als wäre es nicht so, weil ich dachte, ich wäre nicht die Art von Frau, die—« »Die Art von Frau was?« »Die er sich vorstellt.« Nathan schwieg einen Moment. »Das ist dumm«, sagte er dann. »Nathan—« »Nein, wirklich.« Er sah sie an. Direkt. Nathan sah Menschen selten so direkt an — er hatte als Kind gelernt, seitwärts zu schauen, weil frontal manchmal zu viel war. Jetzt schaute er sie direkt an. »Amy, er ist der Einzige von seinen Teamkollegen, der bei deinen Geburtstagsfeiern nicht betrunken wird und danach den Abwasch macht. Er ist der Einzige, der beim dritten Ultraschall zugehört hat, ohne so auszusehen, als würde er lieber woanders sein. Er schaut dich so an.« Er hielt inne. »Ich dachte erst, das wäre ich, der Dinge sieht. Aber Phoebe hat dasselbe gesagt. Und Hannah. Und ich glaube sogar Mama.« »Mama sagt das über jeden.« »Mama sagt das über jeden, ja. Aber sie hat es über Merrit gesagt ohne dabei gleichzeitig sein Horoskop zu googeln, und das ist eine wichtige Nuance.« Amy lachte. Kurz, überraschend. Es täte ihr fast weh. »Ich habe Angst«, sagte sie. »Ich weiß.« »Wenn das schief geht—« »Wenn das schief geht«, sagte Nathan, »dann geht das schief. Und dann wird es wehtun. Und du wirst weitermachen, weil du Amy Weinberg bist und du immer weitergemacht hast.« Er hielt inne. »Aber ich glaube nicht, dass es schiefgeht. Ich glaube, er hat genauso Angst wie du.« Eine lange Stille. »Ich muss dir etwas sagen«, sagte Nathan. Etwas in seinem Ton. Amy sah ihn an. »Was?« Nathan sah sie an. Und dann sah er weg — zum Fenster, zur dunklen Scheibe, zum Spiegelbild der Lampe. »Ich bin schwul. Oder bi, ich bin noch nicht sicher. Aber ich wollte, dass du es weißt.« Amy sagte nichts. »Amy?« »Ich warte darauf, dass du 'Scherz' sagst.« »Kein Scherz.« Amy setzte sich auf — langsam, weil das Aufsetzen in Woche siebenundzwanzig keine elegante Angelegenheit war. Sie sah ihren Bruder an. Er sah zurück — nervös, das erste Mal nervös, mit dem Gesicht eines Menschen der etwas gesagt hatte und jetzt auf die Auswirkungen wartete. Amy dachte an Merrit. An die Art wie er weggelaufen war in Texas, weil sich die Dinge zu ernst angefühlt hatten. Und dann dachte sie, dass Weglaufen manchmal die Antwort auf Angst war, und dass das nichts über das Herz sagte. Nur über das Herz und seine Gewohnheiten. »Nathan.« Sie fasste seine Hand. »Ich liebe dich.« Er blinzelte. »Das ist alles«, sagte Amy. »Ich liebe dich, und du musst mir nicht erklären wie es heißt oder was es bedeutet, wenn du es noch nicht weißt. Du sagst mir wann du bereit bist. Und wenn du Mama und Papa sagst, werde ich dabei sein, wenn du willst.« Nathan sagte nichts. Dann lehnte er den Kopf an ihre Schulter. Es war schwierig wegen des Bauchs, aber er fand den Platz, und Amy legte ihren Arm um ihn, und sie saßen so eine Weile in einer Stille, die jetzt eine andere war. Nicht die Stille, die seit acht Nächten zu viel Platz hatte. Die volle. »Er wird anrufen«, sagte Nathan irgendwann. »Woher weißt du das?« »Weil er zu stur ist, es nicht zu tun.« Er machte eine kurze Pause. »Und weil Granny Betty ihm wahrscheinlich gesagt hat, was los ist. Diese Frau weiß alles.« Amy lachte. Wieder dieses kurze, überraschte Lachen. Finn trat. Einmal, sanft — sein Schlafen-Muster. Ein letztes Treten bevor er nachgab. Amy kannte das Muster jetzt auswendig. Sie kannte viele Dinge auswendig, die sie vor acht Wochen noch nicht gewusst hatte. Sie dachte an Merrit. An den Baseballhandschuh in der Schublade. An den Abend auf der Dachterrasse, als er den Laptop näher gerückt hatte. An den dritten Ultraschall, an dem er zugehört hatte, ohne so auszusehen als wäre er lieber woanders. Merrit Abrahms war kein einfacher Mann. Er lief weg wenn die Dinge zu real wurden, er baute Mauern um alles was ihm wichtig war, und er war der einzige Mensch, den Amy kannte, der tatsächlich seinen Kopf gegen den Kühlschrank lehnte wenn er nachdachte. Sie mochte ihn trotzdem. Deswegen und nicht obwohl. Amy schloss die Augen. Acht Nächte. Wenn er anrief — gut. Wenn nicht, hatte sie die Antwort. Finn schlief. Amy auch. ✦ ✦ ✦ Zwei Tage später, an einem Mittwoch, rief Merrit an. Er hatte das Telefon zehn Mal in die Hand genommen. Beim elften Mal drückte er den Anruf. ✦ ✦ ✦ Mehr von Becca Rebhorn Die ganze Geschichte von Merrit und Amy: Ein Curveball kommt selten allein Chicago Storms, Band 2 Beste Freunde. Eine Tequila-Nacht. Zehn positive Tests. Jetzt haben sie neun Monate um herauszufinden, was sie wirklich füreinander empfinden. → Jetzt auf Amazon lesen ――――――――― Und wo alles begann — Joe und Cats Geschichte: Drei Strikes für die Liebe Chicago Storms, Band 1 Er hat ihr das Leben ruiniert. Sie hat seins komplizierter gemacht. Jetzt müssen sie 40 Stunden lang im selben Auto sitzen. → Jetzt auf Amazon lesen ――――――――― Bleib auf dem Laufenden Exklusive Bonusinhalte, Einblicke hinter die Kulissen und alles was als Nächstes kommt — direkt in dein Postfach. → Jetzt anmelden: beccarebhorn.com © Becca Rebhorn. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Bonuskapitel enthält Spoiler für Ein Curveball kommt selten allein.